Noch kurz zuvor habe ich mir vorgestellt, wie toll es wäre auf eine muslimische Hochzeit zu gehen und nur wenige Tage später hatte ich eine Einladung zu einer ebensolchen Veranstaltung. Zu der Hochzeit einer 20-Jährigen Verwandten von Andi’s Gastvater Said und einem 6 Jahre älteren Zanzibari namens Amour wurden alle Freiwilligen aus meinem Projekt eingeladen. Die Hochzeit (auf Kiswahili “harusi”) wurde von Andi’s Gastvater selbst organisiert und fand zeitweilig auch in dessen Haus statt. Da wir in diesem Haus für die 4 Tage untergebracht waren, hatten wir sogleich die Möglichkeit auch das Geschehen und die Vorbereitungen um die eigentlichen Feiern zu beobachten.
1. Tag: Im Morgengrauen fand die zeremonielle Hochzeit statt. Während die Frauen im Flur des Hauses der Braut frühstückten, waren oben lediglich die Männer zugelassen. Der Bräutigam wurde dort mehrmals gefragt, ob er die Braut wirklich aus freien Stücken heiraten möchte. Am Nachmittag konnten Mira und ich dann auch aktiv an den Festlichkeiten teilnehmen. Noch am Vortag waren wir mit Andi’s Gastmutter Bimkubwa einkaufen, damit wir auch bloß richtig gekleidet sind, und am Abend wurden unsere Hände kunstvoll mit Henna verziert.

Henna
Bevor wir uns allerdings in den neugekauften Kanzu werfen konnten wurde gegessen und zwar draußen vor dem Haus. Die Frauen an die Hauswand gelehnt, die Kinder ganz in der Nähe und alle in kleinen Grüppchen vom selben Teller. Auch die Männer aßen in kleinen Gruppen, allerdings entfernt von den Frauen auf einer geflochtenen Decke inmitten einer Wiese unter einer Plane. Hier wurde mal wieder deutlich, was für ein Zwischending wir als weiße Frauen auf Sansibar sind, denn wir saßen bei den Männern, aber bis auf uns schien das niemanden zu stören. Nachdem die Mägen gefüllt waren, ging es nun ans auftarkeln. Wir zogen also unsere bunten sackartigen Kleider an, bekamen ein Kopftuch gebunden (gibt es immer passend zum Kanzu dazu), denn es war Kopftuchpflicht, auf die tansanische Weise schminken lassen (hier sei gesagt, das Schönheitsempfinden unterscheidet sich massiv von unserem) und noch ein wenig Weihrauch unter das Kleid. Schon ist man bereit für einen solchen Nachmittag.

Der letzte Schritt - Weihrauch
Als wir aus dem Haus traten, hatten sich auf dem Platz, auf dem wir eben noch gegessen hatten, etliche Frauen versammelt. In der Mitte von ihnen saß eine Gruppe von Frauen mit Instrumenten und spielte traditionelle Musik. Nur wenige Minuten später sprangen einige Gäste auf und bewegten sich tanzend zur Band. Dabei wedelten sie mit Geldscheinen in ihren Händen rum, die sie in der Mitte angekommen auf den Boden warfen. So ging es eine ganze Weile. Frauen standen auf, liefen tanzend und bewegten stehend den Hintern von links nach rechts, von rechts nach links.

Wir in der Menge
Dann gab es Zanzibarian Coffee und kleine Snacks, bevor es so weiter ging wie vorher. Irgendwann kam der Bräutigam und nahm feierlich seine Frau entgegen. Gemeinsam schritten sie durch die weibliche Menge und sammlten das Geld ein.

Das Brautpaar zeigt sich
Darauf folgte der Fototermin. Das Brautpaar in verschiedensten Aufstellungen und mit so gut wie allen Gästen, auch den Männern, die dem Treiben ihrer Frauen von der Hauswand aus zuschauten. Nach einer Weile machte sich das Brautpaar auf den Weg und nach und nach verschwanden auch die restlichen Gäste.

Wir beim Fototermin
2. Tag: Offiziell stand der Tag unter dem Motto “Kupumzika” (auf Deutsch “ausruhen, entspannen”), allerdings wohl eher nur für die Männer, denn die Frauen waren, wie am Vortag, mit kochen und backen beschäftigt. So sollte es übrigens auch am dritten Tag vor sich gehen. In der Nähe des Hauses der Braut hatte sich eine größere Gruppe im Kreis zusammen gefunden und trafen die Essensvorbereitungen für die eigentliche Hochzeit am Folgetag.
3. Tag: Nun war es endlich soweit: Die eigentliche Hochzeitsfeier. Für diesen Abend allein war eigentlich die Einladung ausgestellt. Es bestand diesmal keine Kanzupflicht und man musste auch kein Kopftuch tragen, sondern konnte in der Kleidung erscheinen, in der man wollte. Selbst muslimische Sansibarinnen kamen ohne Kopftuch oder schulterfrei. Aber leider kamen wir wieder nicht um das Make-Up drumherum. Eigentlich dachten wir, diese Feier wäre einer in Deutschland nicht unähnlich und wir wurden auch nicht stutzig als nur wir eine Einladung bekamen, denn immerhin hat Bimkubwa eine Begründung gegeben. Allerdings sollte sich herausstellen, dass diese Begründung gar nicht so scherzhaft gemeint war wie sie klang, sondern voller Ernst. Die beiden Jungs sollten nur als Fotografen zur Feier kommen, denn auch diese war nur für Frauen. Es ging ähnlich zu wie am ersten Tag. Eine Unmenge an Frauen, diesmal allerdings auf Stühlen sitzend, im Innenhof einer der Secondray Schools in Stone Town. Alle begannen zu tanzen mit Geldscheinen in der Hand. Alle bewegten sich in Richtung der Taarab-Live-Band, die sich auf einer Bühne rechts der Stuhlreihen positioniert hatte.

Kaum einer auf den Stühlen ...

... Fast alle beim Tanzen
Die Bühne links der Stuhlreihen war allerdings viel interessanter. Sie war verdeckt durch ein verziertes Metalltor und man konnte dahinter viel Dekoration erahnen. So war es dann auch. Als die Braut ankam, schritt sie in ihrem wallenden Kleid auf die Bühne zu, die nun langsam anfing sich zu öffnen. Dort angekommen nahm sie inmitten von Kunsblumen auf einer Bank platz und wieder begann ein Fototermin. Die Männer und Kinder hielten sich die gesamte Zeit im Hintergrund und auch wir waren im Hintergrund aktiv. Das ganze Essen, das am Vortag und an diesem Tag entstanden ist, wurde von uns in Tüten zu Lunchpaketen verpackt. Als alle Gäste ihr Bild und ihre Fresspakete hatten, konnte man die Sekunden zählen bis alle verschwunden waren. Blitzartig kamen Helfer herbei und begannen die Stühle zusammenzustellen und die Bühnen abzubauen. Die Musik war schon lange aus. Gegen 01:00 Uhr nacht machten auch wir uns auf den Weg in Richtung Bett.
4. Tag: Leider mussten Mira und ich schon wieder zurück nach Matemwe, aber eigentlich waren wir auch der Meinung, dass dieser Tag nun endlich mal nur für Männer ist. So war es zumindest angekündigt, aber wie sich aus den Erzählungen der Jungs herausstellte, waren auch hier die Frauen als Begleitung der Männer dabei. Alle trafen sich gemeinsam und Männer und Frauen aßen getrennt voneinander und tranken Tee.
Letztendlich war es eine unvergessliche Erfahrung und ich musste feststellen, dass vorallem die Frauen viel Arbeit haben, denn es geht zu einem großen Teil ums Essen, allerdings feiern die Frauen auch am meisten. Jetzt hoffe ich noch, auch eine Einladung zu einer Hochzeit auf dem Land zu bekommen, um zu schauen, inwieweit sich die Feierlichkeiten unterscheiden. Mal sehen, ob sich mir diese Chance noch im Verlaufe des zweiten Halbjahres bietet.
P.S.: ZUR AKTUELLEN LAGE AUF SANSIBAR: Strom gibt es immernoch nicht. Aber das ist nicht das größte Problem, denn nun ist auch die Wasserversorgung stellenweise zusammengebrochen. Dummerweise gehört Matemwe zu den Orten, die über die öffentlich Wasserleitung versorgt werden und keinen eigenen Brunnen haben. Da nun die Pumpen ohne Strom nicht betrieben werden können, ist die Leitung tot. Zeitweilig wurde die Pumpe mit Benzingeneratoren betrieben, aber seitdem sowohl Diesel, als auch Benzin für mehrere Tage von der Insel verschwunden waren bzw. nur auf dem Schwarzmarkt für den vierfachen Preis zu bekommen war, gibt es auch diese Notlösung nicht mehr. Die gesamte Bevölkerung ist ziemlich unzufrieden und beschwert sich über die Regierung. Diese hat ihr Vorgehen nun transparenter gestaltet. Alle Ersatzteile sind da und Fachleute sind wohl momentan mit der Reparatur der Stromleitung aus Dar es Salaam beschäftigt. Bis 17. Februar sollen die arbeiten abgeschlossen sein. Allerdings erzeugt die Leitung dann nur noch die Hälfte des zuvorbezogenen Stromes. Die zweite Hälfte soll mithilfe von Generatoren gewonnen werden. Diese Lösung ist aber kostspielig, sodass der Strom nun, wie auf dem Festland schon seit längerem, rationiert wird, d.h. Strom in den einzelnen Gebieten nur noch zu bestimmten Zeiten, die in einem Plan veröffentlicht werden. Mal sehen, ob das Ende des großen Stromausfalls wirklich in so greifbare Nähe rückt. Zumindest wäre dann endlich der Untergang der lärmenden und luftverschmutzenden Generatoren auf Sansibar eingeläutet …